Ein Tool zur schnellen und vergleichenden Bewertung der Innenraumqualität an Schulen
Bislang gibt es speziell für Schulen kein standardisiertes Schema, um die Qualität der Innenräume zu bewerten. Ein internationales Forscherteam aus Frankreich und Dänemark will das mit „schoolTAIL“ ändern. Dafür haben die Forscher ein bestehendes Bewertungssystem (TAIL) für Gebäude so erweitert, dass es Messparameter berücksichtigt, die für ein gutes Lernumfeld in Schulen besonders wichtig sind.
TAIL — Thermische Umgebung, Akustik, Innenraumluft, Licht
TAIL wurde 2019 im Rahmen eines EU-Projekts entwickelt und von der Europäischen Kommission im Zusammenhang mit der EU-Richtlinie zur Gesamtenergieeffizienz von Gebäuden (EPBD 2024) anerkannt.
So funktioniert TAIL

Das TAIL-Schema bewertet die Qualität von Innenräumen standardisiert anhand von vier Faktoren:
- Thermische Umgebung (T)
- Akustische Umgebung (A)
- Innenraumluft (I)
- Licht / Beleuchtung (L)
Der Kreis in der Mitte zeigt die Gesamtbewertung (I bis IV) eines Raumes an. Diese ergibt sich aus der schlechtesten Einzelbewertung.
Die Qualitätsstufen werden in erster Linie anhand der Norm EN-16798-1 und der Luftqualitätsrichtlinien der Weltgesundheitsorganisation (WHO) bestimmt und zur besseren Verständlichkeit mit Farben und römischen Ziffern ausgedrückt:
- Grün (I): sehr gut
- Gelb (II): eher gut
- Orange (III): eher schlecht
- Rot (IV): ungenügend
Überblick schaffen für gezielte Schulsanierungen
Mit dem TAIL-Konzept ist es möglich, sowohl die Gesamtsituation in Gebäuden zu erfassen, als auch einen Überblick zu erhalten, wie einzelne Räume hinsichtlich ihrer Innenraumqualität zu bewerten sind und welche konkreten Verbesserungen bei einer Sanierung eingeplant werden sollten.
Für „schoolTAIL” haben die Forschenden eine Vielzahl von Studien ausgewertet sowie häufig betrachtete und wichtige Einflussgrößen ausgewählt. Basierend darauf wurden dem ursprünglich für Büros und Hotels entwickelten TAIL-Schema zwei zusätzliche Parameter hinzugefügt, um die Innenraumqualität in Klassenzimmern besser nach ihrer Lernförderlichkeit zu charakterisieren: die Nachhallzeit und die Stickstoffdioxidkonzentration.
Durch Messen, Beobachten und einer Modellierung werden nun insgesamt 14 Parameter erfasst. Sie liefern den Input für die Gesamtbewertung der Innenraumqualität. Einige dieser Größen sind sogar mit einfachen und kostengünstigen Messgeräten erfassbar.

Zur Erprobung wurde das neue Schema auf eine landesweite Messkampagne in Frankreich angewendet, die 602 Klassenzimmer in 308 Schulen umfasste.
Unsanierte Schulen bedeuten hohe laufende Kosten für die Gesellschaft
Das Team um Pawel Wargocki hat in Studien gezeigt, dass eine schlechte Innenraumqualität die Leistungsfähigkeit der Schüler:innen um bis zu 15 % reduzieren kann. Über die gesamte Schullaufbahn gerechnet müssen diese also praktisch ein ganzes Schuljahr mehr investieren, um das gleiche Lernniveau zu erreichen. Daneben steigen die Fehlzeiten bei Schüler:innen und Lehrkräften, was zusätzliche Kosten verursacht. Diese Faktoren machen den Renovierungs- und Sanierungsaufwand laut den Autoren vergleichsweise deutlich günstiger. Auch dies sollte mit Blick auf die öffentlichen Ausgaben berücksichtigt werden.

Technical University of Denmark
We must think of clean air as we think of clean water and fresh food. Here we do not compromise, nor should we do so with the indoor climate!
Prof. Pawel Wargocki
Department of Environmental and Resource Engineering, Indoor Environment,
Technical University of Denmark
Die Europäische Richtlinie über die Gesamtenergieeffizienz von Gebäuden (EPBD – Energy Performance of Buildings Directive) gibt vor, dass Gesundheitsrisiken und Unbehagen in Innenräumen vermieden werden sollen. Dies gilt für das Wohnen ebenso wie für Arbeitsplätze, Lehr- und Lernorte. Die Richtlinie soll EU-Mitgliedsstaaten bei der energetischen Sanierung bestehender Gebäude unterstützen und zu einem gesunden Innenraumklima beitragen. Bislang fehlte jedoch eine anerkannte Methode, um das Gesamtniveau der Innenraumqualität in Gebäuden verschiedenen Typs schnell und übersichtlich zu bewerten. TAIL schließt nun diese Lücke und wurde von der Europäischen Kommission im Zusammenhang mit der Neufassung der EU-Richtlinie (EPBD 2024) anerkannt.
Anwendung in der Praxis – Was können Schulen selbst tun?
Die Messungen nach dem TAIL-Schema in Klassenräumen können prinzipiell auch durch die Schulen selbst durchgeführt werden.
Um das Schema für das Self-Assessment von Schulen zu adaptieren und es im deutschsprachigen Raum zu etablieren, führt die Heinz Trox Wissenschafts gGmbH ab 2026 mit vier Forschungseinrichtungen eine Pilotstudie zu quickTAIL durch. Dabei wird die Bewertung eines Raumes systematisch in zwei Abschnitte unterteilt:
1) Zunächst findet eine Begehung des Raumes statt. Diese kann durch eine Lehrkraft erfolgen. Für die Begehung werden ein standardisierter Kurzfragebogen sowie leihweise ein kleiner Koffer mit Mess-Equipment kostenlos zur Verfügung gestellt. Erfasst werden neben geometrischen Daten und Informationen zu Fenstern und Ausstattung des Raumes auch kurze und vereinfachte Messungen zur Akustik und zur Beleuchtungsstärke.
2) Ergänzend wird ein Wandsensor im Klassenraum installiert. Dieser wird kostenlos für einige Wochen oder nach Absprache auch längerfristig zur Verfügung gestellt und erfasst verschiedene Größen wie CO2, Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Lautstärke und Helligkeit.
Basierend auf der Kombination aus den einmalig erhobenen Informationen und den kontinuierlichen und betriebsabhängigen Messdaten kann anschließend sofort die TAIL-Bewertung erfolgen.
Die Ergebnisse werden anonymisiert für Forschungszwecke ausgewertet und der jeweiligen Schule zur Verfügung gestellt. Ob und wie die Ergebnisse schulintern kommuniziert werden, entscheiden der Schulträger und die Schulleitung. Die Ergebnisse können Hinweise auf eine Anpassung des (Lüftungs-) Verhaltens geben oder zum Ableiten konkreter Sanierungsmaßnahmen dienen. Auch kann das Self-Assessment mit begleitendem Material in den Unterricht eingebunden werden und so zu mehr Raumkompetenz der Schüler:innen und Lehrkräfte führen.
Weiterführende Informationen und Quellen
- Wissenschaftliche Veröffentlichung (engl.): „Expanding the application of the TAIL rating scheme to schools: schoolTAIL”, Energy and Buildings, 2026, https://doi.org/10.1016/j.enbuild.2026.116942
- Vortrag (auf Englisch) zu TAIL beim „3. Aachener Tag der Luftqualität (2023)” von Prof. Wargocki – https://www.youtube.com/watch?v=uy1F136L7ys
- Wissenschaftliche Veröffentlichung der Studie (engl.): „TAIL, a new scheme for rating indoor environmental quality in offices and hotels undergoing deep energy renovation (EU ALDREN project)“ – https://doi.org/10.1016/j.enbuild.2021.111029
- Link zur Webseite der Forschungsgruppe „Innenraumklima” beim Department of Environmental and Resource Engineering, Technical University of Denmark
- Wissenschaftliche Veröffentlichung (hinter Paywall): „The relationships between classroom air quality and children’s performance in school”; P. Wargocki, J. A. Porras-Salazar, S. Contreras-Espinoza, W. Bahnfleth; in Building and Environment Vol. 173 (2020); DOI: 10.1016/j.buildenv.2020.106749
- Wissenschaftliche Veröffentlichung (hinter Paywall): „The relation between classroom temperature and children’s performance in school”; P. Wargocki, J. A. Porras-Salazar; S. Contreras-Espinoza; in Building and Environment Vol. 157 (2019): 197-204; DOI: 10.1016/j.buildenv.2019.04.046
- Richtlinie (EU) 2024/1275 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 24. April 2024 über die Gesamtenergieeffizienz von Gebäuden (Neufassung), Download der Richtlinie bei EUR-Lex
